Digitale Medien an Schulen?

Nach Georg Milzner habe ich mich jetzt mal an das Buch gesetzt, das der Auslöser für sein Buch war: „Digitale Demenz: wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ von Herrn Prof. Dr. Manfred Spitzer. Und ich sag’s euch gleich: Mein Kampf mit diesem Buch ähnelte meinem Kampf mit Mann’s „Zauberberg“. Aber nachdem Milzner immer wieder auf das Buch verwiesen hatte, bin ich halt neugierig geworden. Und ich bin ein Typ, dem es widerstrebt, angefangene Bücher nicht fertig zu lesen.

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Es gibt Leute, die finden es grotesk, dass ich das Buch auf dem kindle gelesen habe. Nach eingehender Lektüre wundert es mich ja, dass das Buch überhaupt als eBook verkauft wird. Aber da spielen wahrscheinlich die Verkaufszahlen eine größere Rolle als die Überzeugung bezüglich digitaler Medien des Autors.

Computer machen dumm, übergewichtig und aggressiv!

Nach der Lektüre „weiß ich“, dass man mit Computern nicht lernen kann, dass Prof. Dr. Manfred Spitzer ein viel beschäftigter Mann ist, und dass niemand die alarmierenden Signale sieht, weil die Lobby zu mächtig ist.

Herr Spitzer führt eine Menge an einschlägigen Studien auf, die alle in die gleiche Kerbe schlagen. Ja, der Leser wird nahezu mit Studien bombardiert, die alle eines gemeinsam haben: sie bestätigen, dass Computer dumm, übergewichtig und aggressiv machen. Das wird dem Leser immer wieder – wie ein Mantra – vorgebetet. Ja, es entsteht gar der Eindruck, dass das zwangsläufig bei wirklich jedem so ist. Zumindest scheint der Autor der Auffassung zu sein.

Mit einem Computer kann man nicht lernen

Nun ja, ich muss ihm in dem Punkt recht geben, dass der PC/das Tablet zum Lernen vielleicht wirklich nicht die richtigen Medien sind. Zumindest nicht für alle Bereiche. Wenn es um ganz klassische Inhalte für die Allgemeinbildung geht, so sehe ich persönlich Bücher alternativlos. Klar, es ist ein Geschleppe. Aber mit einem gebundenen Buch kann man einfach ganz anders arbeiten. Ich selbst bin zum Beispiel jemand, der sich sehr viel über das fotografische Gedächtnis merkt. Ich weiß dann immer ganz genau, dass dies und jenes am Anfang des Buches auf der linken Seite unten stand. Das hilft mir beim Erinnern, oder eben dann beim Nachschlagen, falls die Erinnerung doch nicht reichen sollte. So eine Stelle finde ich in einem gedruckten Buch schnell wieder … im eBook … keine Chance. Und pfeif‘ auf die Markierungen im eBook!

Bei Sprachen sehe ich das wieder anders: da gibt es tolle Möglichkeiten, Sprachen mit Programmen zu erlernen. Und meiner Meinung nach, funktioniert das auch … und macht mehr Spaß als das tumbe Vokabellernen mit dem Buch!

Schüler spielen nur und sind unachtsam

Nachdem Herr Spitzer also ausführlichst darauf eingegangen ist, dass man am PC nicht lernen kann, bzw. beim Spielen sogar noch Gehirnzellen absterben, spricht er sich komplett gegen digitale Medien an den Schulen aus. Neben dem Argument, dass man sich beim Lernen am Computer die Dinge nicht so gut einprägen kann, bemängelt er auch noch, dass die Schüler damit nur spielen, und die Geräte würden (wegen der Unachtsamkeit der Schüler) immer kaputtgehen, … Aber meiner Ansicht nach, geht es gar nicht darum, dass Schüler einfach nur mit digitalen Medien ausgestattet werden sollen. Sondern sie sollen lernen damit umzugehen, sich diese Hilfsmittel nützlich zu machen. Denn wir wären blöd, wenn wir das nicht tun würden. Und es ist nicht so, dass uns die Geräte das Denken abnehmen, wie Herr Spitzer es anführt. Ich muss mir nur ANDERE Gedanken machen. Ich erkläre das mal an meinem Beruf: Ich habe eine Ausbildung zur Technischen Zeichnerin gemacht. Am Reißbrett. Musste ich damals noch ewig herum überlegen und rechnen, wo ich denn nun anfangen soll, wieviel Platz ich brauchen werde, um nicht bei einer Fehleinschätzung endlos viel Zeit zu verplempern, weil ich das mit der Rasierklinge wieder beheben muss, so sind das heute für mich nur noch ein paar Klicks. Löschen, kopieren, verschieben, … alles kein Aufwand. Deswegen bin ich aber geistig nicht weniger gefordert. Denn ich überlege mir heute, wie ich Änderungen am schnellsten mit wenig Aufwand mit den gegebenen Programmen vornehmen kann. Und ich sitze heute nicht mehr da und befülle manuell endlose Tabellen. Ich überlege, wie ich die mir zur Verfügung stehenden Tools dazu nutzen kann, alles möglichst schnell auszuwerten … mit einer möglichst hohen Trefferquote. Wenn ich heute einen Strich auf einer Zeichnung platziere, dann ist das nicht nur einfach ein Strich. Das ist ein Datensatz. Den Stricherlzieher von damals gibt es heute nicht mehr, aber der Beruf ist nicht ausgestorben. Das Berufsbild hat sich geändert. Und das nicht nur beim Zeichner.

Wie sollen also Digitale Medien an den Schulen eingesetzt werden?

Kleine Kinder – da gebe ich Herrn Spitzer Recht – sollen „begreifen“, und zwar im wortwörtlichen Sinn. Grundschüler sollen nicht auf dem Tablet Lesen und Schreiben lernen. Nein, das will niemand. Aber das sind die Ängste des Herrn Spitzer. Man kann sie aber doch bereits an die Grundzüge der Programmierung heranführen. Spielerisch … mit haptischem Zubehör mit dem interagiert werden kann … If-Then-Else-Anweisungen erklärt werden können. Über OSMO oder Robo Wunderkind habe ich ja bereits berichtet. Das sind Coding-Spielzeuge, die tatsächlich schon an Schulen mit in den Unterricht eingebaut werden. Hier könnten Schüler in kleinen Teams die Grundzüge der Programmierung erlernen. Muss ja nicht alles über Frontalunterricht oder Bücher vermittelt werden.

Später (noch nicht in der Grundschule) dann kann man den Schülern kleine Notebooks an die Hand geben (Lenovo Yoga Book mit integriertem Grafik-Tablet). Tafelbilder abfotografieren, Notizen dazu machen … Ich will nicht wissen, wieviele Informationen ich nicht mitbekommen habe, weil ich im Unterricht neben dem Zuhören auch noch damit beschäftigt war, alles in mein Heft abzuschreiben.

Oder was ist verkehrt daran, das Internet in Recherchen für Arbeiten einzubeziehen? Herr Spitzer hängt sich da an einem Fall auf, in dem Schüler statt über Georgien über Georgia ein Referat gehalten haben. Da kann das Internet nichts dafür. Aufgabenstellung falsch verstanden. Punkt. Soll auch schon ohne Internet passiert sein, dass man sich in der Bibliothek dann die falschen Bücher geholt hat.

Das sind jetzt meine eigenen Ideen. Da gibt es bestimmt noch ganz viele andere.

Ihr seht, ich nehme aus diesem Buch nicht viel für mich mit. Andere vielleicht schon. Ich weiß es nicht. Die guten Rezensionen auf Amazon lassen es vermuten. Klar, ich habe zu dem Thema schon eine recht verfestigte Meinung. Im Bereich der Hirnforschung kennt er sich bestimmt aus, das möchte ich ihm ja gar nicht absprechen. Und er führt auch unzählige Studien auf, die seine Meinung da stützen. Aber genauso gibt es genügend Studien, die die Gegenseite bestätigen.

Ich finde, wir sind schon lange über den Punkt hinweg zu überlegen, OB digitale Medien mit in den Unterricht einbezogen werden sollen. Vielmehr geht es doch eigentlich um das WIE. Oder wie seht ihr das?

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