Digitale Medien in der Erziehung

Mit 2 kleinen Kindern daheim, die mit zunehmendem Alter immer mehr Interesse an den neuen Medien zeigen, steht man als Eltern irgendwann einmal vor der Frage, wie man das denn nun handhaben möchte. Hört man sich im Umfeld so um, merkt man schnell, dass die Meinungen hier ziemlich krass auseinander gehen. Wie bei so Vielem in Sachen Kindererziehung. Während die Einen da recht locker sind, und den Kindern den Zugang zu Tablet und Smartphone nicht verwehren, gibt es da das Gegenlager, die ihre Kinder vollkommen davon fernhalten.

Wie man es sich denken kann, gehöre ich da eher zur ersten Fraktion. Ich selbst beschäftige mich ja auch recht viel mit Smartphone oder Laptop. Lebe das den Kindern quasi vor. Da ist es natürlich, dass diese auch schauen wollen, was da eigentlich so spannend daran ist. Also dürfen sie auch ran. Anwendungen für Kinder gibt es massenhaft. Und zwar eben nicht nur Schmarren, sondern wirklich sehr schöne Spiele. Man muss sich halt hinsetzen und schauen, was es so alles gibt. Bei den Kleinen kann man das ja noch gut beeinflussen. Und es ist faszinierend zuzuschauen, wie schnell die Zwerge sich da schon zurechtfinden. Die Touchfunktion ist wie gemacht für Kinder, die dadurch vollkommen intuitiv ganz neue Welten entdecken können. Wie selbstverständlich ziehen sie Gegenstände über das Display, tippen Dinge an oder steuern mithilfe des Bewegungssensors Autos durch Städte.

Aber auch wenn ich es gutheiße, wenn Kinder sich an technischen Geräten ausprobieren dürfen, dann sitzt doch auch bei mir immer so ein kleines Männchen auf der Schulter, das mir zuflüstert: „Ist das gut, wenn sie sich in diesem zarten Alter schon damit beschäftigen?“

Deswegen habe ich mir neulich mal recht spontan eine Lektüre für mein kindle geholt, die sich eben genau mit dem Thema beschäftigt: „Digitale Hysterie: Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen“ von Georg Milzner

20160922_180913

Das ist jetzt natürlich ein Titel, der meine Haltung da schon etwas unterstützt. Man holt sich ja doch am liebsten das, das man gerne hören will. Allerdings werde ich mir auch den Counterpart von Manfred Spitzer noch zu Gemüte führen. Heruntergeladen habe ich ihn schon.

Ich möchte aber trotzdem jetzt schon mal kurz meine Gedanken dazu aufschreiben, weil es mich momentan vermehrt beschäftigt. Wir leben nun einmal nicht mehr vor 40 Jahren. Die Zeiten haben sich geändert. Die Kompetenzen verschieben sich. Es wird stellenweise sogar hinsichtlich der immer weiter um sich greifenden Automatisierung über bedingungslose Grundeinkommen diskutiert. Warum soll ich meinen Kindern den Zugang zum Fortschritt verweigern? Sie werden deshalb keine schlechtere Kindheit haben.

Ich selbst bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem uns Kindern die neuen Technologien zur Verfügung standen. Unser Vater hat das immer begrüßt, und so standen uns PC, Atari-Konsole und später auch die Game Boys zur Verfügung. Mit 13 Jahren hat er mich damals auch schon darauf gestupst, das Wahlfach Informatik zu besuchen (in dem ich dann als einziges Mädchen saß). Meine spätere Berufswahl hat das nicht beeinflusst, weil ich mich mit der Ausbildung zur Technischen Zeichnerin doch eher für etwas handwerkliches entschieden hatte. Ich lernte das Zeichnen damals noch am Reißbrett mit Tusche und Rasierklinge. Kaum war die Ausbildung beendet, saß ich unversehens am Computer. Da kam mir die Spielerei dann tasächlich zugute. Wir hatten da Leute, die nicht einmal wussten, wo sich der Power-Knopf am Gerät befindet. Damals hatten auch noch viele junge Menschen einen riesen Respekt vor Computern. Mir fiel es aber leicht, und das Zeichnen allein wurde mir schnell zu langweilig, als ich erfuhr dass da mit datenbankbasierten Grafiken noch viel mehr geht. Und allein an dem Beispiel sieht man schon, wo das hinführt: Solide Handwerksberufe werden immer weniger, bzw. verändern sich. Der Mensch nutzt die Technik, um sich das Leben einfacher zu machen. Wer da nicht mitmacht, bleibt auf der Strecke.

Die Frage, ob meine Kinder einmal an den Computer dürfen oder nicht, stellte sich mir gar nicht. Eher geht es hier um die Qualität und auch die Dauer. Und das will einem auch das Buch von Milzner vermitteln. Man sollte die Technik nicht verteufeln, sondern eher ein Auge darauf haben und sich gemeinsam mit den Kindern damit auseinandersetzen. Zu sagen: „Du darfst täglich eine halbe Stunde zocken und dann wird ausgemacht!“, aber sich sonst nicht darum kümmern, was das Kind denn nun eigentlich so am Computer treibt, geht gar nicht. Meiner Meinung nach beruhige ich damit nur mein eigenes schlechtes Gewissen. Wenn ich sage, dass mein Kind täglich nur eine halbe Stunde am PC sitzt, hört sich das ja nach außen hin erst einmal gut an. Man steht als Eltern gut da. Man hat das Thema im Griff. Ich habe da häufig meine Mutter vor Augen, die zu diesem technischen Teufelszeug – im Gegensatz zu unserem Vater – ein eher ängstliches Verhalten zeigt. Ich kann mich noch gut an Szenen erinnern, in denen sie nach vorgegebener Zeit ins Zimmer meines Bruders rauschte, und einfach mal den Power-Knopf drückte. Den Frust meines Bruders kann man wahrscheinlich verstehen. Und sämtliche Versuche meiner Mutter zu erklären, dass ein Computer „heruntergefahren“ werden muss, fruchteten nicht. Im Gegenteil … sie wurde noch skeptischer. Und dabei haben wir eine junge Mutter.

Wie gehe ich also damit um?

Als Elternteil muss man dabei bleiben. Meine Kinder sind jetzt noch recht klein. Da ist es selbstredend, dass ich da ein Auge drauf habe, was sie tun. Der Große schaut mit seinen 5 Jahren gerne einmal Let’s Plays oder Unboxings von Legospielen oder Legobaukästen auf Youtube. Da werden bei Einigen jetzt die Augenbrauen hochschnellen. Ich bin jetzt auch kein Fan von diesen ganzen Unboxings – egal wovon, aber ich sehe, dass sie ganz offensichtlich ihre Daseinsberechtigung haben. Jedenfalls beobachte ich, wie er sich nach diesen Videos meistens in sein Zimmer verzieht und versucht – mit den ihm zur Verfügung stehenden Bauteilen – die Dinge nach zu bauen, die er da gesehen hat. Und er ist dabei durchaus erfinderisch und kreativ, denn irgendwelche Sonderbauteile fehlen da ja immer. Ich kann daran jetzt nichts Schlechtes finden. Mir ist das lieber, als dieses strikte nach Plan bauen. Mit den Let’s Plays ist das ein wenig anders. Die Apps, die er spielt, sind noch recht simpel, da brauche ich keine Anleitung, um an einer schwierigen Stelle weiter zu kommen. Hier habe ich sogar eher beobachtet, dass nach dem Schauen eines Let’s Plays der Frust hoch ist, wenn er selbst das Level nicht auf Anhieb so gut durch schafft. Also schaue ich, dass ich den Konsum von Let’s Plays drossle, und setze mich mit ihm hin und erkläre ihm, dass manche Dinge eben mehrere Anläufe brauchen. Und zeige ihm, dass ich das auch nicht auf Anhieb schaffe. Und wenn ich ihn dann noch eine Runde spielen lasse, ist es auch gut, und er sucht sich etwas anderes.

Ich habe also ein Auge auf das, was er schaut UND ich beobachte ihn dabei. Als Eltern kennt man seine Kinder und merkt relativ schnell, wann es genug ist. Aber ich gehe dann nicht hin, und schalte radikal ab, oder nehme es ihm gar weg, sondern ich versuche mit ihm zu reden und ihm zu erklären, warum es jetzt besser ist, aufzuhören. Und ja, er versteht das und es wird – meistens – ohne großen Protest aufgehört.

Und so rät es Georg Milzner auch in seinem Buch. Dass man die Kinder nicht alleine damit lässt. Im Grunde habe ich es schon immer so gemacht, aber nach der Lektüre bin ich etwas aufmerksamer geworden. Ob das bei Teenagern auch noch so gut klappt … wir reden in ein paar Jahren nochmal drüber.

Wen es interessiert: Georg Milzner geht in seinem Buch auch sehr ausführlich auf die Themen Egoshooter/Amoklauf und Sucht ein. Beim Thema „Sucht“ bin ich nicht ganz so konform mit ihm, aber ansonsten hat er im Großen und Ganzen meine Zustimmung.

  1. Unser Sohn ist 3 1/2 Jahre und schaut furchtbar gern Filme auf dem Tablet. Die Kinder in der heutigen Zeit wachsen damit auf und man kann es eigentlich auch nicht verhindern, nur hinauszögern. Trotzdem sind wir immer dabei, wenn er guckt und wir haben ihn beigebracht, dass er erst fragen soll, wenn er z.B. bei YouTube einen neuen Film aussucht. Doch trotz alledem habe ich als Mutter immer ein seltsames Gefühl. Soll er gucken? Wieviel soller gucken? Was soll er gucken?
    LG Anke

    1. Hallo Anke,
      bei mir ist es tatsächlich so, dass es mir lieber ist, wenn sie etwas spielen (ich meine jetzt Apps), als wenn sie sich nur berieseln lassen. Und mein Sohn macht da zum Glück auch lieber aktiv was damit. Meine Tochter – die ist jetzt auch 3,5 Jahre alt – schaut auch lieber einfach nur Filmchen als dass sie etwas spielt. Wenn es nach ihr ginge: „Peppa Wutz“ in Dauerschleife. Ich versuche schon immer, sie eher auf ein Spiel aufmerksam zu machen, als ihr gleich ein Video an zu machen.
      LG, Tina

  2. Da die Zukunft eben in der EDV steckt, ist auch ein Umfang damit unablässlich. Die Frage stellt sich wirklich in welcher Qualität und ab welchen Alter. Es ist nunmal die Zeit des Computers
    Liebe Grüße

  3. Ich bin selbst junge Mama und mit Computer und co groß geworden, mein Papa war zu meiner Geburt 49 Jahre alt, mit 4 Jahren gabs dann tetris auf dem Gameboy. Mit 9 den ersten PC. In Informatik eine 1, Counter Strike ohne Ende mit 15-17 Jahren, Ausbildung als IT-System-Kauffrau. Ich würde nicht sagen, dass mir das geschadet hat 🙂
    Ich mache es mit meinen Kids nicht anders. Verbote fand ich immer doof, lieber kontrollieren, was die Kinder machen. Hat bei mir und meinem Mann auch geklappt 🙂 schöner Beitrag!
    Liebe Grüße,
    Dina
    http://www.tidaundbaer.de

  4. Hey Tina,
    ich finde es klasse, dass du dir den Kopf darüber zerbrichst und dir sogar Fachliteratur durchliest. Eigentlich müsste ich das auch mal machen…
    Letztlich geht es mir nämlich wie dir: Ich sehe zwar, wie viel Spaß mein Sohn mit seinen Videospielen hat, aber trotzdem begleitet mich dabei ein ungutes Gefühl. Warum eigentlich? -Das weiß ich nicht so recht. Stand in den Büchern etwas zu Studien, die Nachteile von Videospielen auf die kindliche Entwicklung aufzeigen? Würde mich echt interessieren…
    LG Anne!!!

    1. Danke Anne!
      Milzner greift jetzt nicht auf Studien zurück. Er selbst ist aber Psychotherapeut/Hypnotherapeut und erzählt von seinen eigenen Erfahrungen mit seinen Patienten und seinen eigenen Kindern. Du kannst hier mal ein Interview mit ihm nachlesen: http://www.zeit.de/2016/09/games-computerspiele-jugendliche-kompetenzen-aufgaben
      Spitzer muss ich noch lesen. Heruntergeladen habe ich es schon.
      Die Thematik interessiert mich, und da es doch stellenweise heftig diskutiert wird, und eben auch immer wieder die Sprache auf Herrn Dr. Spitzer kommt, wollte ich mir da mal selbst eine Meinung bilden. Sonst bin ich nämlich nicht so der Fachbuchleser. 😉
      LG, Tina

  5. Oh ja, das Buch steht auch noch auf meiner ToDo-Liste. Ich hab sogar das gedruckte Exemplar daheim. Es ist nicht einfach, als Elternteil den richtigen Weg zwischen Schwarz und Weiß zu finden. Denn für jedes Argument gibt es irgendwo ein Gegenargument. Wir haben mit dieser App einen gangbaren Weg gefunden, denn je älter die Kinder werden, desto „ausgefuxter“ werden ihre Strategien: http://muttis-blog.net/spielzeit-am-tablet-smartphone-begrenzen/

    1. Ja, um sowas muss ich mich auch noch kümmern. Noch kennen sie sich nicht so gut aus, bzw. sitzen damit nicht alleine im Zimmer, sondern immer in meiner Nähe. Aber irgendwann …

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.