“smart” = intelligent, gewitzt oder schlau … oder doch nicht?

+++ Erschienen in der E-MEDIA Mai 2018 +++

Was nun folgt ist eine absolute Wunschvorstellung. Mit zwei Kindern sieht meine Morgenroutine nämlich leicht anders aus. Gewaltsam aufgezogene Augenlider und Schokoladenmilch-Tsunamis spielen da eine große Rolle.

Sanft werde ich morgens von Sonnenstrahlen wach gekitzelt, weil die Jalousien bereits leise nach oben geglitten sind. Ich drehe mich aber nochmal kurz im Bett um und schnappe mir mein Smartphone, um damit unserem Kaffeeautomaten den Auftrag zu erteilen, mir eine große Tasse Milchkaffee rauszulassen. Langsam rolle ich mich aus dem Bett, schlurfe in die Küche und nehme mir die bereits gefüllte Tasse. Auf Zuruf erzählt Alexa mir, wie das Wetter wird und was der Tag für mich bringt. In der Zwischenzeit macht sich das Bett schon von selbst, denn wir haben natürlich eine Smartduvet. Ich öffne den gut gefüllten Kühlschrank – seit wir ein smartes Modell haben, ist die Lebensmittelorganisation ein Klacks  – und nehme das vorbereitete Fleisch und Gemüse für heute Abend heraus und gebe es in den Crock-Pot, den ich von der Arbeit aus mit dem Smartphone überwachen kann. Die Waschmaschine wird befüllt. Sie wird sich dann später einschalten, wenn die Solar-Anlage auf dem Dach genug Strom erzeugt. Genauso Geschirrspüler, Staubsauger- und Rasenmäherroboter. Der Wetterbericht für heute ist gut, das dürfte also alles gut klappen.

Auf dem Nachhauseweg von der Arbeit stelle ich fest, dass mein Smartphone keinen Akku mehr hat. Die Powerbank befindet sich natürlich in meiner anderen Handtasche. Argh! Seit wir auf ein smartes Türschloss umgestellt haben, ist das Smartphone auch mein Haustürschlüssel. Zum Glück hat die Nachbarin einen Notfallschlüssel. Als ich eintrete bemerke ich den strengen Geruch. Verdammter Mist! Der Hund hat Durchfall und der Staubsaugerroboter ist seiner Pflicht erst nach dem Malheur nachgekommen! …

… ähm … ok. Ich nehme lieber wieder die mit Kakao versaute Küche.

“Smart” = intelligent, gewitzt oder schlau, sagt Wikipedia. Nun ja. Ein Computer ist immer nur so schlau, wie der, der davor sitzt … heißt es. Und der muss dann auch wirklich an alle Eventualitäten denken. Ein Haus mit all seinen Geräten und Menschen mit ihren Bedürfnissen ist schon ein sehr komplexes System.

Alles was mit Energiesparen und Arbeitserleichterung zu tun hat, ist erst einmal gut. Also das typische Beispiel, dass ich im Winter die Heizung nicht mehr den ganzen Tag laufen lassen muss, weil sich die Ventile sich per App steuern lassen, scheint sinnvoll. Das ist eine angenehme Sache und zudem auch leicht umsetzbar.

Der Staubsaugerroboter meines Bruders für seine 50qm-Maisonette-Wohnung dagegen ist Quatsch! Ich versuche immer wieder, ihm das Teil abzuschwatzen. Aber wenn ich ehrlich bin, dann bringt der bei uns auch nicht viel. Unsere Wohnung ist da nicht barrierefrei genug und die Kinderzimmer müsste man ohnehin von der Saugroutine ausschliessen, weil die ganzen Lego- und Playmobil-Kleinst-Teilchen sonst Geschichte wären. Die Kinder müssten ihre Zimmer abends zuverlässig aufräumen … Schnippt mal jemand, ich träume schon wieder!

Ein anderer Aspekt, den ich als wirklich sinnvoll erachte, ist dagegen die Sicherheit. Sensoren, die zum Beispiel Kohlenmonoxid-Werte messen und mich rechtzeitig warnen oder selbständig das Kippen der Fenster auslösen (vorausgesetzt, das Haus ist dementsprechend vorbereitet), damit der Hamster im Käfig nicht hops geht, bevor die Ursache behoben ist, sind doch großartig.

Neben dem Nutzen sollte man aber auch ein anderes Thema im Auge behalten: Was passiert mit meinen Daten? Ja, da kommt er wieder durch, der Deutsche! Sehr interessant dürfte bestimmt sein, was die Leute so alles im Kühlschrank stehen haben. Vielleicht bekomme ich plötzlich über Facebook Werbung für Bio-Joghurt, weil der demnächst leer ist. Damit könnte ich noch leben. Oder Rezeptvorschläge abgestimmt auf den Inhalt meines Kühlschrankes. Sollten sich aber irgendwann einmal Krankenkassen so über die Essgewohnheiten ihrer Kunden informieren, sehe ich das schon kritischer.

Nicht alles das da derzeit auf den Markt schwappt, hat seine Daseinsberechtigung. Das Meiste gehört meiner Meinung nach in die Schublade “Spielzeug”. So auch der smarte Kaffeeautomat, bei dem ich ja doch noch selbst erst die Tasse darunterstellen muss.

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